Sonntag, 30. Juni 2013

[23+4] Noch mal achtzehn Stunden?

So ganz langsam kratze ich am siebten Schwangerschaftsmonat - die Zeit rast! - und die Tatsache, dass diese zweite Schwangerschaft bisher so völlig komplett anders läuft als damals die zehn Monate mit Johanna unter dem Herzen lässt mich ganz leise hoffen, dass eventuell auch die Geburt anders - entspannter - werden könnte.

Im November 2009 platzte mir - drei Tage nach dem errechneten Entbindungstermin - nach einem opulenten Mahl mit meinem Mann - ich scherzte damals noch, dass ich auf jeden Fall einen Einlauf bräuchte, sollte sich ausgerechnet jetzt die Madame auf den Weg machen - abends um sieben auf der Couch vollgefressen vor dem Fernseher die Fruchtblase - ohne jegliche spürbare Wehentätigkeit zu diesem Zeitpunkt oder sonst irgendwann mal zuvor.
Breitbeinig stakste ich zur Toilette, und nachdem ich festgestellt hatte, dass das Fruchtwasser grün eingefärbt war, bat ich meinen Mann, mir eine Binde ins Bad zu bringen und informierte ihn, dass wir dann auch gleich mal ins Krankenhaus fahren könnten.

Gefahren bin ich damals selber - Thomas hatte zu dem Zeitpunkt noch keinen Führerschein - und das Auto blieb sogar sauber. Alles schön zugekniffen und zugesessen. Kaum war ich dem Auto entstiegen waren die Schleusen allerdings geöffnet. Von Wehen hingegen keine Spur.

Auf der Entbindungsstation angekommen das übliche Prozedere: Gespräch, Untersuchung, CTG - keine Wehen. 
Nach Rücksprache mit dem Oberarzt hängte mich die Hebamme gegen 21 Uhr dann aufgrund des grünen Fruchtwassers an den Wehentropf - und der Spaß nahm seinen Lauf.

Inzwischen waren auch meine Mama, mein Bruder und dessen Partnerin im Krankenhaus eingetrudelt, mit denen ich irgendwann an diesem Abend sogar noch ein kurzes Gespräch auf dem Flur führte, während ich tapfer die Wehen veratmete, die inzwischen eingesetzt hatten.

Die Geburt ging nur sehr langsam voran.
Ich hatte ein Intermezzo mit der Badewanne, und während ich dort im warmen Wasser so vor mich hindümpelte las mir Thomas irgendwas aus irgendeinem meiner Bücher vor - nachts um zwei Uhr.

Meiner Mama und der Partnerin meines Bruders riet eine der Hebammen gegen drei Uhr, doch lieber noch mal nach Hause zu fahren, da sich die Geschichte noch eine ganze Weile ziehen würde. Mein Bruder hatte längst das Feld geräumt, da er am nächsten Tag arbeiten musste.
Irgendwann riet eben jene Hebamme mir dringend dazu, eine PDA legen zu lassen, da ich die Geburt sonst wohl kaum durchstehen würde. 
Die Wehen waren dank Wehentropf, an dem ich nach wie vor bzw. wieder hing - während der halben/dreiviertel Stunde in der Badewanne war ich abgeklemmt, aber die Wehen verschwanden damit auch wieder - doch recht spürbar, somit stimmte ich der PDA beinahe erfreut zu.

Tiefste, dunkelste Nacht, Notbesetzung, ich musste eine Weile auf meine erlösende Betäubung warten, und die saß dann auch erst beim zweiten Anlauf - noch mal ein oder zwei Stunden später. 
Zeit verschwimmt in solch einer Ausnahmesituation. Aber egal. Man weiß ja, wofür man das alles macht. Hinterher jedenfalls. Unter der Geburt stehen manchmal auch einfach die Flüche und Verwünschungen im Vordergrund.

Vor allem, wenn man mitbekommt, dass Frauen in den Nachbarkreißsaal geschoben werden, zweimal schreien und dann vom Geschrei des Neugeborenen abgelöst werden. Wie unfair ist das denn bitte?

Irgendwann am frühen Morgen hatte ich Erleichterung, mit meinem Notfallknopf in der Hand - Betäubung auf Knopfdruck, leider reglementiert auf einmal alle zwanzig Minuten - ging es mir noch viel besser, die Madame hingegen ließ sich allerdings überhaupt nicht beeindrucken und bestimmte weiterhin das Tempo. Ein sehr langsames Tempo.

PDA im Rücken, Wehentropf im Arm quälten wir uns durch den Morgen.
Immer wieder wurde der Madame noch im Geburtskanal steckend Blut aus dem Köpfchen abgenommen, um die Werte zu checken.

Ich weiß, dass ich irgendwann schlicht keinen Bock mehr hatte. 
Ich war müde - nein, müde ist gar kein Ausdruck. 
Ich war zu Tode erschöpft, wäre es nach mir gegangen, hätten die Ärzte das Skalpell angesetzt und Johanna per Kaiserschnitt geholt, aber auf mich hörte natürlich wieder mal niemand. Stattdessen quälte ich mich weiter Wehe für Wehe durch diese Schneckengeburt.

Als es schließlich doch endlich in die heiße Phase ging hatte ich jeweils rechts und links an den Beinen eine Hebamme stehen, eine dritte Hebamme lag quer auf meinem Oberkörper und schob Johanna mit raus, während ich mir die Seele - bzw. mein Kind - aus dem Leib presste, zwischen meinen Beinen saß der Oberarzt, der die Saugglocke angesetzt hatte, um die ganze Sache nun endlich zu beenden, wie er es ausgedrückt hatte, und leider kam ich auch um Dammschnitt und Scheidenriss nicht herum.

Alles noch so vehemente Entgegensetzen der Madame nutze ihr letztendlich gar nichts, um 14.40 Uhr erblickte sie das Licht der Welt - knapp neunzehn Stunden, nachdem mir die Fruchtblase geplatzt war.
Sie schrie nicht sofort. Da Johanna so lange im Geburtskanal steckte, hatte sie eine Menge Fruchtwasser geschluckt, das erst mal abgesaugt werden musste. Dazu wurde sie kurzerhand aus dem Raum gebracht, bevor ich sie überhaupt zu Gesicht bekommen hatte, und der Kinderarzt kam notfallmäßig angerannt, aber nach unendlich ewigen dreißig, vierzig, fünfzig Sekunden - wie lange auch immer es war - hörte ich meine Tochter endlich schreien.
Und kurz danach hatte ich sie im Arm.
Alles vergessen, was gewesen war. 
Keine Schmerzen mehr, keine Erschöpfung, nur dieses kleine Wesen da auf meiner Brust.




Unglaublich toll, unglaublich schön, unfassbar, dass dieses kleine Geschöpf aus mir herausgekommen war. 
Auf natürlichem, wenn auch beschwerlichem Weg. 
Hatte ich während der Geburt irgendwann nach Kaiserschnitt gebettelt, war ich sofort danach und bin bis heute heilfroh, dass Ärzte und Hebammen nicht auf mich gehört haben und die natürliche Geburt durchgezogen haben, so weit sie zu verantworten war - in unserem Fall zum Glück bis zum Schluss.

Eines ist übrigens sicher: Ohne Thomas an meiner Seite - die ganzen achtzehn oder neunzehn Stunden - hätte ich das nicht durchgestanden (hätte ich wahrscheinlich doch, man wächst ja über sich hinaus, und eine Wahl hat man so oder so nicht, aber es fühlte sich definitiv wesentlich, wesentlich besser an als alleine dort vor sich hin zu stöhnen), und ich bin jetzt schon verdammt froh, dass er auch bei der zweiten Geburt dabei sein wird.

Ja, die zweite Geburt... Die ganze Schwangerschaft bisher läuft anders als damals, vielleicht (hoffentlich) auch die Geburt? 
Ein wenig schneller, nur ein Stündchen oder zwei, das würde mir schon reichen.
Nein, seien wir ehrlich, zehn Stunden weniger, das würde mir reichen.
Alles darüber hinaus wäre Spezialsuperbonus, aber wir wollen ja mal nicht unverschämt werden.

Wie auch immer, das Leben ist kein Wunschkonzert und "et kütt eh, wie et kütt", von daher lassen wir uns einfach mal überraschen.
Wir werden es erleben!

Kommentare:

  1. Na ich drück dir feste die Daumen, dass du Jonas quasi im Schweinsgalopp bekommst und binnen 1 Std. alles erledigt ist :O)Kind und Mutter wohlauf und der Jonas von Anfang an tiefenentspannt mit einem Hunger, dass er euch die Haare vom KOpf frisst ;OP und nach 3 Lebensmonaten das 1. Schnitzel von euch verlangt......

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  2. ja ich hab damals auch von 8uhr früh bis 3uhr nachts dagelegen^^aber ich wünsche dir bei der zweiten geburt weniger Leiden :)

    Liebe Grüße,
    Fio

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